Kapitel 2: Die Kreativität breitet sich aus Teil 2

Springen wir nun von der Aussage von Tolstoi über eine einfache, verständliche Kunst in das 20. Jahrhundert. Beide Lager innerhalb der Kreativität- bzw. Kunstszene haben sich etabliert und in ihren Schützengräben eingerichtet. Der Ausruf „Jeder Mensch hat kreative Kräfte und sie müssen nur erweckt werden!“ entwickelte sich zunehmend zu einem eigenständigen Markt abseits der eigentlichen schöpferischen Tätigkeit. Die schöpferischen Tätigkeiten werden durch die allgemeine Verfügbarkeit der Kreativität zur Norm und zur Pflicht.

Auffälliger ist jedoch, dass die Kreativität sich zu einer Pflicht und das Kreativsein zu verpflichtenden Aufforderungen entwickeln. Rückblickend fasst Andreas Reckwitz in einer von ihm veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2012 die Zeit ab 1960 zu einer Epoche zusammen, die durch den Kreativitätsdispositiv beherrscht wird.

Die Kreativität im Wandel

Ein Disposiwas? Laut Michael Focault handelt es sich hierbei um ein Aufforderungskonstrukt dem dringend nach zu kommen ist. Hierbei kann sich die Aufforderung auf zeitliche und lokale gesellschaftliche Probleme beziehen. Reckwitz misst dieser Aufforderung noch eine große soziale Komponente, in Form einer zeitlich kurzen aber sehr intensiven Gefühlsregung (Affektivität), hinzu. Heißt unterm Strich, startet mit der Aufforderung immer ein emotionaler und affektiver Prozess beim Aufgeforderten! Durch die soziale Komponente wird der Aufgeforderte zum Teil des Dispositivs! Sein affektives und emotionales Handeln hat daher soziale und kulturelle Bedeutung (egal welche Ausmaße auch hat) . Die Ausführung der Aufforderung ist zum Teil faszinierend, ein Akt der Befreiung und Befriedung und daher kulturell für den Ausführenden aufwertend.

Mischen wir noch die Kreativität in dieses Konstrukt, ist der Kreativitätsdispositiv nichts anderes als die soziale und kulturelle verpflichtende Aufforderung selber kreativ zu sein und das „Kreativsein“ auch selber zu wollen. Dabei ist das Erreichen der kulturell, sozial oder wirtschaftlich geforderten Kreativität nicht vorgesehen und in einigen Bereichen merkbar außerhalb des real schaffbaren. Man ist immer „nicht kreativ genug“! Somit entwickelt sich die Kreativität von einer Gabe bzw. Talent zu einem Zwang.

Reckwitz sieht in seiner Studie die Zeit zwischen 1900 und 1960 als Entstehungszeit für den Kreativitätsdispositiv. Dieser Zeitraum deckt auch die Zeit zwischen Tolstoi (gestorben 1910) und seiner Forderung nach einer Kunst die sich durch „Klarheit, Einfachheit und Nüchternheit“ hervortut und dem Auftauchen von Beuys und seiner Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ab.

So paradox und verblüffend Beuys seine Aussage am Anfang war, hat sie sich mittlerweile zu einem sozial kulturellen Grundverständnis entwickelt welches wie ein übermächtiges Mantra überall in unendlich vielen Variationen wiederholt wird. Der Wunsch bzw. die Forderung danach nicht mehr kreativ zu sein sprengt somit jedes soziale und kulturelles Verständnis. Somit hat sich die Kreativität von einer seltenen Gabe zu einer sozialen Norm und Verpflichtung gewandelt. Und wenn etwas eine Norm und Verpflichtung ist, dann muss sie auch von jedem erreicht und eingehalten werden können!

Sind wir also alle von Natur aus kreativ und brauchen nur den berühmten Schubs um dieser Norm und Verpflichtung zu genügen?

Mit freundlichsten Grüßen