Kapitel 2: Die Kreativität breitet sich aus Teil 3

Die Rolle des Künstlers ändert sich

Laut Beuys sind wir alle kreativ! Er geht sogar soweit und sieht die Kreativität als Teil der menschlichen Natur und daher kann sie nicht „nicht existieren“. Sie Bedarf im Zweifelsfall nur einer „Erweckung“. Diese Erweckung sei mittlerweile möglich, da wir nicht mehr in einer unfreien Inspirationsgesellschaft leben sondern nun der Mensch ein unabhängiger gottgleicher Schöpfer ist! Beuys sieht diese Erweckung als Provokation, da alles so „verhärtet“ ist und man müsse „richtig anstoßen, dass mal alles richtig hoch kommt!“. Dem Künstler wird daher eine besondere Rolle angedacht. So spürt er doch als erster die schöpferischen Kräfte und muss daher die Provokation vollbringen.

Beuys und andere Künstler, der „Jeder ist kreativ“ Front, definieren zwar was zur „Erweckung“ der Kreativität notwendig ist aber nicht wie weit die kreative, künstlerische und schöpferische Provokation gehen soll!

Bleiben wir also bei der Erweckung bzw. Provokation. Diese fängt bereits im Falle von Beuys bei der Selbstdarstellung an. In einem aufgezeichneten Interview wird ihm von seiner Frau ein Kohlrabi gereicht mit der Aufforderung diesen doch zu schälen. Für ihn ist das Schälen dieses Kohlrabis ein schöpferischer Akt, da er die Form ändert und darüber entscheidet wie der geschälte Kohlrabi am Ende aussieht. Und dies sei solange Kunst bis es bewiesen sei, dass dies keine künstlerische Tätigkeit sei. Anekdoten, wie diese, sind über Beuys nicht selten. Sie häufen sich sogar und steigern sich sogar in Form und Art der Provokation. Mal direkt im Bezug auf die Kunst und auch ohne direkten Bezug. Eine Rede nur aus Grunzgeräuschen vor den Geldgebern der Universität, das Annehmen jedes Bewerbers auf seinen Kunststudiengangs oder das Einschmelzen der Zarenkrone sind nur einige Beispiele. Aber bei allen kann man eines feststellen: eine überhöhte Selbstdarstellung! Dies ist für Beuys aber kein Alleinstellungsmerkmal oder gar gegen seine Ansichten. Sondern es handelt sich dabei um die möglichst größte Provokation um Anderen ihrer schöpferischen Kräfte bewusst zu machen. Jedoch ist diese Provokation wie wir sie bei Beuys finden nur an die Provokation gebunden und allgegenwertig.

Diese Zuspitzung und Überhöhung der Selbstdarstellung findet sich natürlich nicht nur bei Beuys. Andy Warhol (isst einen Burger und filmt sich dabei und nennt es Kunst), David Bowie (der gesamte Werdegang des Künstlers und die damit verbunden Änderungen der Selbstdarstellung) , Christoph Schlingensief („CHANCE 2000 – Wahlkampfzirkus, Wahlkampf, Baden im Wolfgangsee, Wahlkampftournee“, oder googlet einfach selbst, die Liste wäre sonst zu lang) , Vince Voltage ( Fotograf, Musiker und ernannter „modern arts jesus“) und David Lynch (gibt es überhaupt einen Film von ihm der nicht provoziert?) sind nur ein paar Namen die durch eine überhöhte Selbstdarstellung und/oder Provokation mir auf ihren Gebiet im Gedächtnis bleiben. Allerdings alle samt ohne die für Beuys charakteristischen theologisch-soteriologischen Zuspitzungen.

Eine weitere Entwicklung, die die zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorbrachte war, dass je mehr man der Kreativität als Fähigkeit, die allen Menschen zugrunde liegt, vertraut umso mehr wird den bereits bestehenden Verhältnissen misstraut. Dies führt dazu, dass nun Millionen immer wieder einzelnd und individuel zu Veränderungen angeleitet werden müssen unter Berücksichtigung der eigenen unfreien kreativen Fähigkeiten. Die Industrie der Ratgeber, Coaches und Co. boomt seit dem und ist auch der heutigen Kunstlandschaft nicht mehr weg zu denken. Manch ein Künstler verdient nun seine Brötchen damit, dass er seine individuelle Kreativität soweit vereinfach und nachvollziehbar macht bis sie von jedem verstanden und kopiert werden kann.

Hier steht nun nicht mehr das aufwendige Kunstwerk im Mittelpunkt sondern eine Kunst, die einfach, schlicht und verständlich ist. Das Kunstwerk ist hier nicht mehr der Taktgeber sondern der Querschnitt der Fähigkeiten der potentiellen Käufer. Tolstois Traum einer Kunst, die nicht länger auf aufwendig produzierten Werken basiert sondern durch ihre „Klarheit, Einfachheit und Nüchternheit“ hervortut hat sich also Jahre nach seinem Tod erfüllt.

Mit freundlichsten Grüßen

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